Nachdem das Wetter heute wieder so toll war, hab ich den Nachmittag für einen kleinen Ausflug nach Saltaire genutzt. Weil ich mein UK-Handy erst seit gestern hab, wurden natürlich noch mit fast niemandem Telefonnummern ausgetauscht und ich musste mich dementsprechend allein auf den Weg machen... wobei ich wieder mal festgestellt hab, wie entspannt und nett ich das Erkunden neuer Orte auch/gerade allein finde. Bevor mir jetzt aber latent autistische Tendenzen nachgesagt werden, ist festzuhalten, dass ich mir angesichts der diversen einladenden Pubs am Rückweg dann doch Begleitung gewünscht hätte - Biertrinken macht allein einfach weniger Spaß.
Saltaire ist eine in den 1850ern durch den Industriellen und Philanthropen Sir Titus Salt erbaute Mustersiedlung nahe Bradford, die vor einigen Jahren zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt wurde. Nachdem die Lebensbedingungen für die Arbeiter der florierenden Textilindustrie in Yorkshire (treuen Rebecca Gablé-Lesern muss man über deren Anfänge ja wohl nichts erzählen, hehe) insbesondere in Bradford in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer unerträglicher wurden ("Every other factory town in England is a paradise in comparison to this hole. In Manchester the air lies like lead upon you; in Birmingham it is just as if you were sitting with your nose in a stove pipe; in Leeds you have to cough with the dust and the stink as if you had swallowed a pound of Cayenne pepper in one go - but you can put up with all that. In Bradford, however, you think you have been lodged with the devil incarnate. If anyone wants to feel how a poor sinner is tormented in Purgatory, let him travel to Bradford." - bieten sich da etwa unschmeichelhafte Vergleiche mit der Gegenwart an?), entschloss sich Salt, damals Bürgermeister von Bradford, seine gesamte Produktion, sowie die Wohnstätten der Arbeiterfamilien von Bradford in das zu diesem Zweck neu gegründete Saltaire zu verlegen. Der Name ergibt sich aus einer Zusammensetzung seines Nachnamens mit dem Namen des dortigen Flusses Aire.
Die für etwa 3000 Personen konzipierte Siedlung war für damalige Verhältnisse geradezu luxuriös und wird auch heute noch als Wohngegend genutzt. Die ehemaligen Fabriken ("Mills"), welche den Niedergang der englischen Textilproduktion zwangsläufig nicht überstanden haben, beherbergen heute Wohnungen, Geschäfte und eine großartige Dauerausstellung von Werken des aus Bradford stammenden Künstlers David Hockney inkl. Museumsshop mit beeindruckender Auswahl. Ich konnte mich und mein Budget nur mit Mühe von all den Fotobüchern und -bildbänden und vor allem den Nachdrucken von Hockneys Fotomontagen losreißen. Auch wenn mir der Stil vieler seiner gemalten Bilder (zB sowas) gut gefällt, find ich die teilweise aus hunderten Einzelbildern zusammengesetzten Montagen am tollsten - Beispiele zB hier und hier; die beiden, die mir am besten gefallen haben, sind leider online nicht zu finden. (n.b. Das ist übrigens selbstverständlich noch echte "Handarbeit", aus dem tiefsten Analogzeitalter) Die selbe Technik des Zusammensetzens von Einzelbildern verwendet Hockney wiederum auch für Gemälde - zB bei dem hier.
//Ende akuter Begeisterungsschub und daraus resultierender Kunstexkurs//
Titus Salt wurde für seine Verdienste durch Queen Victoria mit dem Titel eines Baronet bedacht und sein Begräbnis 1876 angeblich von etwa 100.000 Menschen besucht. Insgesamt eine sehr interessante Persönlichkeit, vor allem im historischen Rückblick. Es scheint beispielsweise heute schwer vorstellbar, dass ein Unternehmer, der vergleichsweise so gut für seine Arbeiter sorgte (bereits vor der Gründung von Saltaire führte Salt zB als einer der ersten den 10 Stunden-Arbeitstag in seinen Fabriken ein) und von diesen dementsprechend geschätzt wurde, sich gleichzeitig sehr vehement gegen die Einführung eines Gesetzes, welche die Arbeit von Kindern unter 9 Jahren verbieten sollte, zu Wehr setzte.
-> FOTOS
Falls jemand noch ein bissl nachlesen will:
Biographie von Titus Salt (engl.)
Saltaire in der deutschen Wikipedia
Am Rückweg, der über die Manningham Lane führte, konnte ich vom Bus aus die ziemlich voll besetzten Tribünen im Stadion sehen. Im Gegensatz zu meinem bedauernswerten Sportklub hat Bradford City heute Nachmittag offenbar 3:0 gewonnen...
2 comments:
Ich hoffe du stolperst in die diversen Pubs auch demnächst mal rein, erwarte dann nämlich a) einen ausführlichen Bericht und b) ein nettes Pub in das wir beide reinfallen können, wenn (falls) ich dich besuchen komme (-n darf).
Cheers!
Bis jetzt präsentiert sich die Pubszene geradezu erschreckend unscheinbar. Hab allerdings das angeblich beste Pub in Bradford noch nicht aufgesucht. "The Fighting Cock" - klingt ja schon mal vielversprechend... ;)
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