Na wen haben wir denn da?! Karadžić also. Ich muss zugeben, ich hätte nicht damit gerechnet, dass das passiert; jedenfalls mal definitiv nicht jetzt bzw. so "unmotiviert".
Anm.: Angesichts der inzwischen seit so vielen Jahren andauernden Lippenbekenntnisse, sowie vereinzelt auch ernsthafter Bemühungen, ihn und Mladić festzunehmen, ist der Begriff auf etwas zynische Weise unpassend - ich hätte dieses Ereignis aber jedenfalls eher erwartet, wenn die EU die Beitrittsdaumenschrauben mal wieder akut ansetzt. Bei näherer Betrachtung geben die kürzlich erfolgte Regierungsneubildung + vermutlich günstige allgemeine Begleitumstände aber eh auch ein angemessenes Szenario ab. Hätte ich wetten müssen, welcher der beiden gefasst wird (wenn denn überhaupt einer), ich hätte mein Geld immerhin auf Karadžić gesetzt - und umgekehrt ziemlich felsenfest angenommen, dass Mladić, dessen Rückhalt in der Bevölkerung noch wesentlich größer zu sein scheint, niemals gefasst werden wird. Zumindest in den nächsten Tagen scheint aber diesbezüglich alles möglich... (wen überrascht's... meine Sportwetten laufen ja auch immer so - bloß ohne die entsprechende Freude über eine falsche Prognose)
Mitgekriegt habe ich die Meldung über die Festnahme übrigens in den 6 Uhr-Nachrichten, die ich im Linienbus von Split zum Flughafen hören konnte. Der auffallend lange Beitrag, in dessen Verlauf ich außer ungefähr hundertfacher Erwähnung von Karadžićs Namen nur noch die Begriffe "Belgrad", "Tribunal", "Serge Brammertz", "Völkermord" und "Ratko Mladić" verstanden habe, brachte den Verdacht mit sich, dass hier gerade etwas Wichtigeres im Gange war, als der übliche, in regelmäßigen Abständen durch das ICTY ausgesprochene Aufruf, doch biiiiitte endlich die letzten Angeklagten abzuliefern. Ein Blick in die Runde (der Bus war ca. zur Hälfte mit Touristen, zur anderen Hälfte jedoch mit Einheimischen am Weg zur Arbeit besetzt) ließ mich dann aber wieder zweifeln: stoische Gesichter ohne jede Regung von Interesse, keinerlei Gespräche zwischen Sitznachbarn, in denen Wortfetzen darauf hindeuteten, dass sie sich mit den soeben berichteten Ereignissen befassten. Irgendwie seltsam, wenn man bedenkt, wie "frisch" die Neuigkeit zu diesem Zeitpunkt noch war.
Ich bin jedenfalls gespannt, was die kommenden Tage so bringen werden... und wann/wie/durch wen erstmals tatsächlich die Verlängerung des ICTY-Mandats in den Raum gestellt werden wird und welche Auswirkungen das auf die Tätigkeit der nationalen Gerichte für Kriegsverbrechen, v.a. in BiH, haben wird. (Wir erinnern uns, der durch diverse Resolutionen des Sicherheitsrats festgeschriebene Plan lautet: alle ICTY-Anklagen draußen bis Ende 2004; alle Verfahren erster Instanz abgeschlossen bis Ende 2008, Berufungen bis Ende 2010. Dieser Zeitplan wurde schon durch die Festnahme von Stojan Župljanin im Juni (welcher ja als eher schwacher Ersatz für die Ergreifung der beiden "dicken Fische" gewertet wurde) einigermaßen ins Wanken gebracht; für den Fall einer Ergreifung Karadžićs oder Mladićs hatte die letzte Chefanklägerin, Carla Del Ponte, immer die Möglichkeit einer Verlängerung in den Raum gestellt - verankert ist diese allerdings nirgends) Mal schauen...
Der der erwähnten Busfahrt kausal vorangegangene Kurzurlaub auf Hvar war übrigens sehr nett und auch durchaus erholsam... der entspannende Effekt löst sich jedoch seit der Heimkehr angesichts eines übervollen Posteingangs und der durch die aktuellen Entwicklungen bedingten Entscheidung zwischen Überarbeitung oder Vernachlässigung der Diplomarbeit schon wieder rapide in Nichts auf... mein neuerworbenes dubioses Zucken am rechten Augenlid hat sich bereits zurückgemeldet.
Außer einer täglich steigenden Anzahl von Ticks und Seltsamkeiten im Gepäck: eine Buchempfehlung.
Dubravka Ugresić - Das Ministerium der Schmerzen
Für Jugonostalgiker, und solche, die es werden wollen. Für Leute, die nicht verstehen, wie irgendjemand dem alten Jugoslawien nachweinen kann... und solche, die nicht verstehen können, wie es irgendjemand nicht tun kann. Für jeden, der einen Ansatz davon begreifen möchte, was es bedeuten kann, wenn der Begriff "Heimat" in nahezu jeder seiner Dimensionen alle Bedeutung verliert.
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