01/05/2008

"Whatever you do, do it with Style" (F.M.)

Tatsächlich mal wieder ein Eintrag hier - motiviert dadurch, dass ich gestern mein 60€-Stehplatzticket für [Two of the Artists Formerly Known as]Queen + Paul Rodgers in Wien am 01.11. abgeholt hab. Eventuell kommt auch noch Budapest (28.10.) oder München (01.10.) dazu; London mag ich mir nach dem Desaster beim letzten Mal nimmer wirklich antun, außerdem is mir das zu teuer dafür, dass es diesmal kein Open Air ist.
Und es stellt sich die Frage: Wieso schau ich mir das überhaupt an? Wieso bin ich bereit 60€ für ein Konzert in der Stadthalle auszugeben, auf dem ein paar Typen so tun als wären sie etwas, das inzwischen seit ca. 17 Jahren nicht mehr existiert? Wieso geh ich hin, obwohl ich mich schon im Vorfeld nahezu täglich drüber ärgere, dass diese Konzerte überhaupt (unter diesem Namen) stattfinden werden?

Letzten Endes liegt die Erklärung wohl darin, dass man als für den eigenen Musikgeschmack ca. 25 Jahre zu spät Geborene nicht wählerisch sein kann. Einige Queenfans, die ich kenne, boykottieren die heurige Tour (teilweise auch schon die im Jahr 2005, die aber immerhin auf Grund der gespielten Songs noch einen deutlicheren Queen-Bezug hatte) - allerdings mit der Gewissheit, das Beste von Queen ohnehin schon in den 70ern oder 80ern live gesehn zu haben. Ich hingegen krieche wie die meisten anderen Unglücklichen unter 40 reumütig hin, um einen Blick auf Roger und Brian zu erhaschen und wenigstens kurz während einem vom Brians minutenlangen Gitarrensolos auf der unverwüstlichen Red Special das Gefühl zu haben, dass ich jetzt eigentlich auch 1986 im Wembley Stadium stehen könnte. (ok, angesichts der Akkustik in der Stadthalle mach ich mal lieber "1974 im Rainbow Theatre" daraus)
Das gleiche gilt ja auch für das We Will Rock You Musical, das objektiv zu beurteilen ich einfach nicht in der Lage bin - wobei aber die Vermutung besteht, dass es mir ohne den Bezug zu Queen ganz und garnicht gefallen würde. Letzten Endes "gefällt" es mir ja sogar schon als Queen-Sache nicht - einigermaßen versöhnt bin ich nur durch die Tatsache, dass Freddie Mercury alles, was "Queen" zu einem neuen Publikum und vor allem auf eine Theaterbühne bringt, absolut begeistert hätte. Auch wenn das Stück unter seiner Mitwirkung wohl mehr eine wunderbar bombastische Rock-Oper, als ein Plastikrock-Musical geworden wäre...

Am 29.08. kommt außerdem das langangekündigte [TOTAFKA]Queen* + Paul Rodgers Album heraus - bescheidener Titel: The Cosmos Rocks. Da weiß man auch gleich, was man kriegt - Größenwahn und klassischen Gitarrenrock, der ohne unnötige Subtilitäten wie hintergründige Texte oder ausgefeilte Harmonien auskommt. Da Queen draufzuschreiben grenzt an Blasphemie. Insgesamt wurden 15 Songs geschrieben, davon kommen zwölf auf's Album. Als Hörprobe kann das für Nelson Mandelas AIDS-Stiftung 46664 geschriebene und bereits am 01. Dezember 2007 (Weltaidstag) als Gratisdownload veröffentlichte Say It's Not True dienen - der Song ist ja nichtmal sooo schlecht (bissl Heaven for Everyone, bloß leider ohne Freddie's Stimme), aber es steht zu befürchten, dass wir ein ganzes Album, eine ganze Tour in dem Stil geliefert kriegen - und da hat nicht "Queen" draufzustehn, weil Queen zwar einige großartige Rocksongs geliefert hat, das aber trotzdem maximal ein Fünftel des Repertoires darstellt, das diese Band abdeckte.

Als Album-Promotion wurde eine Coverversion von Del Shannons 60er-Jahre Klassiker Runaway aufgenommen. Grundsätzlich stell ich mir eine gelungene Rock-Coverversion davon ja garnicht schlecht vor... aber können wir das nicht vielleicht irgendeiner der 10.000 jungen und vielversprechenden Bands v.a. aus Kanada und Schweden überlassen, die sich derzeit um Aufmerksamkeit und Plattenverträge prügeln? Können wir nicht generell festhalten, dass "Queen" immer dafür stand, dass musikalische Grenzen aufgebrochen oder einfach kreativ ignoriert werden; Neues versucht wird, egal ob es als technisch machbar gilt oder nicht; Radiosender mit sechs Minuten langen Singles zur Verzweiflung getrieben werden, die zunächst als unspielbar verlacht und dann doch immer brav bis zum finalen Gongschlag ausgespielt werden - und letzten Endes einer der zumindest 10 einflussreichsten Songs aller Zeiten werden? Nochmal langsam: Queen Ist Keine Coverband.

In einem Interview in der aktuellen Ausgabe des Musikmagazins Classic Rock wird The Cosmos Rocks als "das rockigste Album, das Queen je gemacht hat" bezeichnet. Na Überraschung... Zu mehr reicht's ja wohl auch nimmer, nachdem mit Paul All Right Now Rodgers ein braver, verlässlicher und hoffnungslos unkreativer 70er/80er Classic Rock-Veteran an Bord geholt wurde. Dazu Roger Taylor, der den diversen Klischees durchaus nicht völlig widersprechende Drummer. Seine Songs fallen häufig genau in die gleiche Schiene - laut, rockig, im Rhythmus immer ein bissl bummbummHolzhammer (Radio Gaga, I Want To Break Free). Is ja auch in Ordnung; die Leute mögen das (ich grundsätzlich durchaus auch) - aber damit allein wäre Queen nicht groß geworden, weil's letztendlich nichts Besonderes ist. Brian May hat zwei meiner Meinung nach wirklich gute Soloalben geschrieben (die mir ehrlich gesagt sogar deutlich besser gefallen als Freddie's Solosachen, mit Ausnahme des großartigen Barcelona-Albums), wenn sie auch in keiner Weise "Queen-tauglich" sind. Heute scheint er seine große kreative Spannweite (von The Prophet's Song bis We Will Rock You) wohl auch nurmehr sehr bedingt auszunutzen.

Queen war immer so viel mehr als das, was man heute unter dem Namen geliefert bekommt... Und es war ein Projekt, das genau diese vier Leute gebraucht hat. Auch wenn Freddie mehr im Mittelpunkt stand als die anderen drei, hat gerade er immer darauf bestanden, dass Queen ein Team aus vier gleichberechtigten und gleich wichtigen Musikern ist und nicht etwa "Freddie Mercury und Band". Er hat Interviewer wieder und wieder gnadenlos ausgebessert, wenn sie diesen Unterschied nicht begriffen haben und betont, dass schließlich alle vier Songs schreiben und außer ihm auch Brian und Roger regelmäßig Lead Vocals singen. So viele Beobachter aus der Anfangszeit der Band stellen fest, dass gerade John Deacon, der als letztes und allen drei vorher unbekanntes Mitglied dazu gestoßen ist, mit seiner ruhigen Art genau der war, der neben den drei großen Egos noch gefehlt hat, um das Ganze zum Laufen zu bringen und vor allem zusammenzuhalten. Letzten Endes war's gleichzeitig wohl Freddie, der ihn am meisten in die Band eingebunden hat - das wird auch daran ersichtlich, dass keine von John gemeinsam mit den zwei anderen verfassten Songs existieren, sehr wohl aber einige Deacon/Mercury-Stücke.

Aus dem Classic Rock-Interview:

"As a quarter of the original band, did someone phone John Deacon and ask whether he'd like to be involved?"
ROGER TAYLOR: John's welcome but if you call him, you don't always get an answer. Nobody knows where he is or what he's doing. He doesn't really like people. He sent a message when our musical 'We Will Rock You' launched in the West End saying that he approved of everything we were doing.

"So no-one's heard from Deacon since 2002?"
ROGER TAYLOR: John's turned into a bit of a recluse, and if that's what he wants then who are we to pressurise him?
BRIAN MAY [chuckling]: He accepts the odd cheque now and again, but we respect the decisions he made about his life's path.

Entschuldigung?! Dass er den "odd cheque now and again" akzeptiert, sollte ja wohl selbstverständlich sein; dafür hat er ja auch genug getan. Dass er, der sich wie es scheint immer nach einem möglichst "normalen Leben" gesehnt hat und früher in Interviews erfreut feststellte, dass er das einzige Mitglied von Queen ist, das nach wie vor unerkannt in London mit der U-Bahn fahren kann [Freddie wäre bei der Aussicht 1) mit der U-Bahn zu fahren und 2) nicht erkannt zu werden, vermutlich in Ohnmacht gefallen], jetzt keinen Bock mehr drauf hat, im Rahmen dieser Farce auf der Bühne rumzuhüpfen, finde ich eher sympathisch als überraschend. Er hat selbstverständlich am großartigen Tribute Concert 1992 teilgenommen und danach dazu beigetragen, Made In Heaven aus den allerletzten Songs, die Freddie aufgenommen hat, zu realisieren - danach war Queen für ihn (wie auch für sehr viele andere Menschen) erledigt.

ROGER TAYLOR: "Okay, one of our beloved band members isn't here any more, but what do we do about that? Do we all die? No, life goes on."

Richtig, das Leben geht weiter. Veröffentlicht neue Alben, arbeitet mit anderen Künstlern zusammen, gebt Konzerte - aber schreibt einen anderen Namen drauf, anstatt hier bestenfalls Etikettenschwindel und schlimmstenfalls Leichenfledderei zu betreiben. Möglicherweise müsstet ihr so auf einen Teil der Berichterstattung und auch der Einnahmen verzichten - die ganzen Adabeis gehn halt lieber zu "Queen" als zu "The Cross" oder "Brian May and Band". Aber wir würden trotzdem im Publikum stehn und wären begeistert, dass immer noch ehemalige Mitglieder von Queen musikalisch aktiv sind - und vielleicht fiele es einigen von uns so auch leichter, eure jetzige Arbeit zu würdigen...

ROGER TAYLOR: "We know some people will moan, 'Oh, Fred's not on it...' Of course he's not, you f**khead. If they want to know why we're bothering to do this, it's because we're still alive. It's quite simple. If they don't like it, just don't buy the record or come to the show."

Wir denken drüber nach, keine Sorge.

* Haha, das gefällt mir - die weitverbreitete Angewohnheit, die Albumtitel so abzukürzen (ANATO für A Night at the Opera usw.) hat mich ja immer schon genervt.


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Anm. 1: Ich weiß eh, da schreib ich zuerst ewig nichts und dann kommt eine elendslange Queen-Tirade, die zumindest diejenigen LeserInnen, die sich hier schon über die Durststrecke der letzten Wochen beschwert haben, wohl nicht grad rasend interessiert. Ein Einblick in die quälende Ödnis meiner Diplomarbeitsschreiberei folgt in Kürze...
Anm. 2: Hat zufällig irgendjemand die Möglichkeit, VHS auf DVD zu übertragen oder kennt ein Geschäft, wo das zu einem akzeptablen Preis gemacht wird? Grad jetzt würd ich wirklich, wirklich gern die "Queen: The Magic Years"-Trilogie anschauen und mich an (wenn auch nur aus zweiter Hand bekannte) Zeiten erinnern, als die Welt noch in Ordnung war.

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